Sterkrader Rathaus
Eine Verwaltung benötigt – nicht nur zu Repräsentationszwecken – Raum und ein entsprechendes Ambiente. Auch für die 1886 aus dem Zusammenschluss von Holten, Buschhausen und Sterkrade entstandene Bürgermeisterei reichten die bis dahin angemieteten beiden Räume im Hotel Sprüth (an der heutigen Ecke von Steinbrink- und Brandenburger Straße) nicht mehr aus.
1887 beschlossen die Stadtverordneten den Bau eines „Amtshauses“, für dessen Standort nach heftigen Diskussionen eine Fläche von der benachbarten GHH erworben wurde. Es war eine unruhige Gegend: Das künftige Verwaltungszentrums war auf der Rückseite von verschiedenen Abteilungen dieses Werks eingerahmt, eine Hüttenbahn, die die verschiedenen Werksteile verband, sorgte für zusätzlichen Lärm. Nach den Vorlagen des Essener Architekten Müller entstand hier unter der Aufsicht des Sterkrader Bauunternehmers Wilhelm Klüsener der neue Mittelpunkt der Bürgermeisterei: Klüsener drückte auf´s Tempo – eine Woche Baurückstand ließ seinen verdienst um zwei Prozent sinken. Nach der Grundsteinlegung im April ging das Gebäude nach nur neun Monaten Bauzeit (in halbstarker Ziegelsteinausführung) seiner Vollendung entgegen.
Für knapp 43.400 Mark – incl. Baufläche – war ein im Neo Renaissancestil gestaltetes Haus entstanden, das ein wenig an ein (kleines) Schloss erinnert: Über eine Freitreppe gelangten die Besucher ins Hochparterre, wo die Verwaltungsräume und der Sitzungssaal untergebracht waren. Von Reliefs herab blickten Kaiser Wilhelms I und Friedrichs III. auf die Besucher und Mitarbeiter, die das Gebäude betraten. In der ersten Etage befand sich eine aus sechs Zimmern bestehende Dienstwohnung des Verwaltungschefs, Botho Wolfgang von Trotha; vor seinem Dienstzimmer befand sich ein kleiner Balkon. Von hier aus hatte er zu jeder Zeit (fast) alles im Blick: Die Abschnitte des Unternehmens GHH, von dessen wirtschaftlicher Entwicklung das Schicksal der jungen Gemeinde stets anhängig war, und Teile „seiner“ Stadt, die in ihrer Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckte: Straßen waren z.B. weitgehend nicht befestigt, die Straßenbeleuchtung beschränkte sich auf die Innenstadt, auf der hinter der Bahn liegenden „Schwarzen Heide“ lief die Wasserversorgung noch über Brunnen, die Bauplanung war weitestgehend noch individuell, ein richtiger Bauplan existierte noch nicht usw.
Technisch gesehen war das Amtshaus aber auf dem neuesten Stand: Gewärmt wurde es durch eine „Luftheizung“ – ein Novum, das man in Sterkrade sonst vergeblich suchte. Vorhanden war auch ein eigener Waschraum - im Keller Von seinem Dienstzimmer aus verband ein „elektrischer Haustelegraph“ den Bürgermeister mit seinen Mitarbeitern und dem Hausmeister. Im Dachgeschoss untergebracht waren ein Trockenspeicher, drei Stuben und ein Turmzimmer mit einem vorgebauten Balkon. Ein kleiner Garten rundete das Ensemble ab.
Das expandierende Unternehmen GHH benötigte stets neue Mitarbeiter, die sich in Sterkrade mit ihren Familien auch niederließen, was nur im Sinne der Firma war. Dieser Zuzug musste koordiniert und die „Neubürger“ verwaltet werden. Dazu waren neue Verwaltungsleute notwendig, d.h. der bisherige Platz reichte nicht aus, sodass 1901 ein Kubus an das Amtshaus angefügt wurde. Für kurze Zeit reichte der neue Raum aus, doch schon bald begann die Diskussion um den Neubau eines neuen „Rathauses“. 1929 löste sich das Problem quasi von selbst: Das Verwaltungszentrum Sterkrades, das 1913 Stadtrechte erhielt, wurde mit (Alt-) Oberhausen zur neuen Großstadt Oberhausen vereint. Heute dient es als Verwaltungsnebenzentrum und beherbergt einige Abteilungen des „Jugendamts“.
Bemerkenswert sind zwei Wappen an der Außenseite des Kubus. Unter das Wappen der Stadt Sterkrade, darüber das Wappen der Rheinprovinz. Letzteres signalisierte jedem Vorübergehenden: „Vorsicht, gleich sind sie in Westfalen“ bzw. „Vorsicht, sie betreten jetzt das Rheinland“.